Die Wege sind weit, die Bevölkerungsdichte ist dünn, die Winter sind kalt und die Sommer heiß in Latgale (dt. Lettgallen), der binnenländischen, an Litauen und Weißrussland grenzenden größten Provinz im Südosten Lettlands. Nur allmählich bahnt sich die EU einen Weg durch das abgelegene Land. Und gerade deshalb mag Latgale eine sonderbare Anziehungskraft auf Naturverbundene, Radler und Wanderer ausüben, ist das sogenannte Land der blauen Seen doch von unschuldiger Schönheit, wie sie in der heutigen Welt rar geworden ist. Eingewoben in einem landschaftlichen Flickenteppich ausgedehnter Wälder, Hügelketten, Felsformationen, Hängen und Tälern ruhen hier die größten und tiefsten Seen Lettlands, der Rāzna See, der Lubans See, der Dridzis, der sagenumwobene Velnezers See sowie das Naturschutzgebiet Ezezers mit 63 Inseln.
Kulturhistorisch blickt diese alte lettische Region, welche beinahe ein Viertel des gesamten Landes einnimmt, auf eine bewegte Vergangenheit. Nicht nur standen die Lettgallen territorial bedingt seit jeher in engem Kontakt mit den Esten, Russen, Weißrussen, Litauern und Polen, auch sind jene multikulturellen Einflüsse noch heute ersichtlich und spürbar. So beträgt der russische Bevölkerungsanteil in den Städten Daugavpils und Rēzekne bis zu 80 Prozent. Ebenfalls charakteristisch für das vorwiegend katholische Latgale sind unzählige, in Nadelwäldern errichtete weiße Kirchen, Kreuze am Straßenrand sowie Marmorhäuser und 150 Burgen. Die Aglona Basilika wird alljährlich zur Himmelfahrtsfeier der Jungfrau Maria am 15. August Pilgerstätte für tausende Gläubige.
Die Eigensinnigkeit der Provinz kommt zum einen im individuellen regionalen Dialekt der Menschen zum Ausdruck, die sich überdies als eine von den Letten unabhängige Volksgruppe verstehen. Zum anderen illustriert die vielerorts gefertigte Keramik, Strick-, Häkel-, Schnitz- und Flechtkunst regionalspezifische Feinheiten.

